Künstlerischer Streifzug Neu-Ulm
Eine Veranstaltung vom Edwin Scharff Museum Neu-Ulm
Kurator: Johannes Stahl
Künstler: Ivo Weber
Donnerstag, den 11. Sept. 2025
Aktuelle Position von Floß mit Flaschenpost
+++ Start Do, 11. Sept., 20.15 Uhr in Neu-Ulm +++ Fr, 12. Sept. >Talfinger Sperre< Torsten Gaschler hat das Boot wieder freigesetzt+++LEW Wasserkraft GmbH -Herr / Herr Ch. Bammel u. M.Wendrich haben sich darum gekümmert, dass das Floß 10 Staustufen überwinden konnte (Tausend Dank) +++ zuletzt gesichtet hinter Donauwörth+++ Do. 25. Sept. Kontaktaufnahme mit Kraftwerksbetreiber UNIPER für restliche 13 Staustufen in Deutschland Ingolstadt bis Passau+++bitte Daumen drücken+++
Eindrücke aus dem Streifzug in Neu-Ulm, September 2025
Philipp S. – Die Geschichte
Eselskulptur auf Wagen, Modell einer Ulmer Zille aus Schwemmholz 85 x 43 x 17 cm (LxBxH)
Start am Edwin Scharff Museum
Bei dem künstlerischen Streifzug geht es um die Geschichte von Philipp S., der sich im Jahr 1783 von der Donau-Insel Schwal bei Neu-Ulm mit vielen anderen Auswanderern auf dem Weg gemacht hat.
Das Ziel war, eine neue Heimat in Ungarn und dem Banat zu finden, wie sie im 18. Jahrhundert unter Kaiserin Maria Theresia von Österreich durch gezielte Ansiedlungspolitik intensiv beworben wurde.
Streifzug durch Neu-Ulm
Krippenesel, ein Geschenk von Christoph Martin Wieland an Philipp S.
Ansicht der Kirche von Mettenberg; aus „Geschichte von Mettenberg bis 1975“
#1 Erste Station → Innenhof an der Schützenstraße
Die Jugendjahre von Philipp S.
Philipp S. ist im Jahre 1762 in Mettenberg bei Biberach in Oberschwaben geboren.
Er ist das Achte von neun Kindern. Großvater und Vater waren Schreiner und betrieben eine Hofstelle mit fünf Kühen, wenigen Schweinen und Federvieh. Die wirtschaftliche Lage in Vorderösterreich war vom Elend geprägt.
In der kleinen Dorfschule konnte Philipp S. nur wenig lernen. Er hatte aber das große Glück, einen besonderen Bezug zu dem Dorfpfarrer zu haben. Zwischen dem Geistlichen und dem in Biberach geborenen und lebenden Dichter Christoph Martin Wieland bestand eine enge Freundschaft, die auch Philipp S. nachhaltig beeinflusste. Als kleiner Junge bekam er von dem berühmten Dichter einen Krippenesel geschenkt. Mit zwölf Jahren endete seine Schulzeit und er musste auf verschiedenen Bauernhöfen in der Umgebung als Knecht arbeiten. Trotz seiner geringen Bildung hatte er eine große Leidenschaft für die Literatur und Dichtung, die er heimlich pflegte.
Schopperplätze auf der gegenüberliegenden Seite von Ulm, das heutige Neu-Ulm; aus „Aufbruch von Ulm entlang der Donau“, Marie-Kristin Hauke, Verlag Klemm+Oelschläger
Zeichnung einer „Ulmer Schachtel“ auf der Donau, Kugelschreiber auf Karton; Zeichnung von Johannes Stahl; 15 x 10 cm
Nachbau eines Pharaonenschiffes, Standort in Boulogne sur Mer, Frankreich
#2 Zweite Station → Schopperplätze an der Donau / Jahnufer
Während der Regentschaft von Kaiser Josef II. wurden eigens Werber und Agenten ausgesandt, um neue Kolonisten für die Ansiedlung in Ungarn zu finden. Offiziell mussten sich diejenigen, die auswandern wollten, von den Behörden freikaufen. Manch einer machte sich jedoch auch heimlich auf dem Weg.
Philipp konnte nur seinen Esel vom elterlichen Hof mitnehmen. So machte er sich mittellos auf den Weg nach Ulm und fand dort als Gehilfe bei einem Bäcker Arbeit und Unterkunft für sich und den Esel.
Mit ihm brachte Philipp Brot und Seelen zu den Zimmerleuten auf den Schopperplätzen am gegenüberliegenden Donauufer, wo die Zillen für die Donau-Schifffahrt gebaut wurden.
Bemerkenswert ist, dass die flache, kiellose Bauweise der Zillen eine auffällige Ähnlichkeit mit den Jahrtausende älteren Pharaonenschiffen des Nils zeigt.
Die neugierige und offenherzige Art von Philipp S. erleichterte ihm rasch die Kontaktaufnahme mit den Kapitänen der Donauschiffe – und verhalf ihm letztendlich zu einer günstigen Reise Richtung Neues Land.
Eselschatten
#3 Dritte Station → Reling am Ufer der Donauinsel Schwal
Die Geschichte „Des Esels Schatten“ von Martin Wieland ist der Antrieb für Philipp S. in die Auswanderer-Metropole Fünfkirchen (Pécs) in Ungarn zu gelangen.
In der kulturell vielfältigen Stadt erhofft er für sich eine neue Lebensperspektive zu finden.
Heimlich träumte er vom Theater.
KI–Zusammenfassung der Satire „Ein gewisser Zahnarzt …“ von Christoph Martin Wieland:
In dieser kurzen Satire erzählt Wieland die absurde Geschichte eines wandernden Zahnarztes namens Struthion, der in der Stadt Abdera lebt. Da er als einziger Zahnarzt weit und breit bekannt ist, reist er regelmäßig auf die Jahrmärkte der umliegenden Städte, um dort seine Zahnpulver und Wundermittel zu verkaufen. Auf diesen Reisen wird er von seiner Eselin begleitet, die ihn, seine Arzneien und Vorräte trägt.
Eines Tages ist die Eselin jedoch wegen eines frisch geborenen Fohlens verhindert, also mietet Struthion einen anderen Esel samt Begleiter für eine seiner Reisen. Während der heißen Sommerreise über eine Heide sucht der erschöpfte Zahnarzt vergeblich Schatten. Schließlich setzt er sich in den Schatten des gemieteten Esels.
Dies führt zu einem bizarren Streit: Der Eseltreiber besteht darauf, dass der Schatten nicht im Mietvertrag inbegriffen sei und fordert zusätzliche Bezahlung für dessen Nutzung. Struthion weigert sich empört – er habe schließlich den ganzen Esel gemietet und damit auch den Schatten. Da keine Einigung möglich ist, kehren beide zurück nach Abdera, um den Fall vor Gericht zu bringen.
Christoph Martin Wieland (*1733 – 1813) von Ferdinand Jagemann (1805); aus Wikipedia
Schwäbische Seelen; Dinkelmehl, Hefe, Wasser, Kümmel und Salz
Maxplatz, Der Stadtsteg von Josef Legrand, Foto: Johannes Stahl
#4 Vierte Station → Maxplatz, Der Stadtsteg von Josef Legrand
Schon in Ulm hatte sich Philipp S. einen Namen als Bäcker von Oberschwäbischen Seelen gemacht und auch in seiner ungarischen Wahlheimat diente ihm diese Fertigkeit wesentlich zum Broterwerb.
Bei einem kleinen Intermezzo des Streifzugs werden auf dem wohnlich gestalteten Platz von Josef Legrand schwäbische Seelen als Imbiss gereicht.
Modell einer Ulmer Zille aus Schwemmholz, 85 x 43 x 17 cm (LxBxH)
Feierabend Lied auf der Donauinsel Schwal, Neu-Ulm. Foto: Zandra Harms
#5 Fünfte Station → Die Neu-Ulmer Donauinsel Schwal
Zum Abschluss des Streifzuges wird ein aus Schwemmholz gefertigtes Modell einer Ulmer Zille feierlich zu Wasser gelassen. Damit soll noch einmal an die beschwerliche und ungewisse Reise von Philipp S. im Jahr 1782 auf der Donau erinnert werden. Die im Boden eingelassene Marmortafel am Ufer der Donauinsel Schwal weist ebenfalls auf dieses besondere Ereignis hin.
In dem kleinen schachtelähnlichen Aufbau, der auf dem Floß befestigt ist, befindet sich eine Flaschenpost.
Die Botschaft enthält die Bitte an jeden, der sie findet, auf unterschiedliche Weise mitzuhelfen, dass das Gefährt durchhält, bis es am Zielort angekommen ist. Die Art Association in Pécs ist der Empfänger und Kooperationspartner dieser Aktion.
→ PDF der Botschaft / Flaschenpost
Über das Leben und das Wirken vom Phillipp S. im ungarischen Pécs ist nur wenig dokumentiert. Es ranken sich verschiedene Geschichten und Anekdoten um ihn und seinem Esel im Theaterbereich und wie die schwäbische Seele Einzug gehalten hat, im südlichen Ungarn.
Im Sommer dieses Jahres habe ich das Familiengrab von ihm und seinen Nachkommen auf dem städtischen Friedhof in Pécs gefunden.
Ob der treue Esel neben ihm seine letzte Ruhe fand, ist allerdings ungewiss.
Erinnerungstafel am südlichen Ende des Schwal, Marmor, 30 x 14 x 3 cm
Familiengrab von Philipp S. auf dem Zentralfriedhof in Pécs – Pécsi Köztemetö